Multiple Sklerose
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e-med Forum Multiple Sklerose 17. Juli 2019 Kontakt  Impressum  Datenschutz  
 

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Ist MS erblich?

von Dr. Dorothee Röhrig,

Fachärztin für Neurologie, Medizinische Genetik

 

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems, bei deren Entstehung und Verlauf erster Linie entzündliche Faktoren eine Rolle spielen. Die MS ist nicht im eigentlichen Sinne eine genetisch bedingte Erkrankung, denn bei genetisch identischen eineiigen Zwillingen kommt es beim Auftreten einer MS bei einem/einer von beiden nicht in jedem Fall auch zum Auftreten der Erkrankung beim anderen Zwilling. Es ist aber auch seit vielen Jahrzehnten bekannt, daß z.B. bestimmte Bevölkerungsgruppen eher von MS betroffen sind als andere. So ist die MS z.B. in den mehr nördlich gelegenen Ländern Europas und Nordamerikas bei weitem häufiger als in den äquatornahen Ländern oder den Ländern der Südhalbkugel der Erde. Dies hat schon früh zu der Vermutung geführt, daß erbliche Faktoren bei der Entstehung der MS ebenfalls beteiligt sind, zumal in epidemiologischen Bevölkerungsstudien bereits vor Jahren nachgewiesen werden konnte, daß bei Familienmitgliedern von MS-Patienten häufiger eine MS-Erkrankung auftritt als in der Normalbevölkerung. Diese Tatsache kann prinzipiell mehrere mögliche Ursachen haben:

 

1) Eine mögliche Ursache kann sein, daß unter verwandten Personen eine gegenüber der Normalbevölkerung größere Menge an Erbmaterial gemeinsam vorhanden ist. Diese gemeinsam vorhandene Menge an Erbmaterial ist um so größer, je enger der Verwandtschaftsgrad zwischen den Personen ist: erstgradig verwandte Personen (Vater, Mutter, Geschwister) teilen bis zu 50% des Erbgutes.

2) Die zweite mögliche Einflußgröße sind die zwischen zusammenlebenden Familienmitgliedern geteilten nicht genetischen Faktoren, beispielsweise die Ernährung oder die Umwelteinflüsse, denen die Personen am Wohnort ausgesetzt sind.

3) Drittens besteht die Möglichkeit, daß eine Kombination von den beiden bereits genannten Faktoren vorliegt.

 

Studien über die genetischen Hintergründe des Auftretens von MS

Um herauszufinden, ob eher umweltbedingte oder eher genetisch bedingte Faktoren für das gehäufte Auftreten von MS bei Familienmitgliedern von MS-Patienten eine Rolle spielen wurden von einer canadischen Gruppe von MS-Wissenschaftlern in den Jahren 1996 bis 1998 zwei wichtige Bevölkerungsstudien mit unterschiedlichem Ausgangspunkt über MS-Patienten und deren Familien veröffentlicht: eine Adoptionsstudie und eine Studie an Halbgeschwistern.

Bei der Adoptionsstudie wurden die MS-Erkrankungsraten von adoptierten MS-Patienten mit denen ihrer Adoptiv-Eltern untersucht und andererseits die von nicht adoptierten MS-Patienten mit denen ihrer adoptierten Kinder. Adoptierte Personen sind für genetische Studien deshalb wichtig, da sie zwar die Lebensumstände mit ihren Eltern und Geschwistern teilen, genetisch mit ihnen jedoch nicht verwandt sind. Bei dieser Studie wurde unter den 1201 untersuchten erstgradig (jedoch nicht biologisch) Verwandten von MS-Patienten lediglich ein Patient gefunden, der ebenfalls an MS erkrankt war. Dies entspricht der Erkrankungsrate der Normalbevölkerung von unter 0.1%, das bedeutet, daß sich in dieser Studie kein Hinweis dafür ergab, daß das Risiko dafür, an MS zu erkranken unter genetisch nicht-verwandten Geschwistern/Eltern/Kindern von MS-Patienten gegenüber der Normalbevölkerung erhöht ist.

In der Halbgeschwister-Studie wurde ein anderer Aspekt der Krankheitsentstehung beleuchtet: Halbgeschwister teilen gegenüber "Vollgeschwistern" lediglich maximal 25% des Erbgutes (gegenüber 50% bei "Vollgeschwistern"). Außerdem können Halbgeschwister entweder gemeinsam mit ihren Geschwistern auf wachsen, also die gleichen Umweltbedingungen teilen oder aber in einer anderen Familie mit anderen Umweltbedingungen leben. Weiterhin kann untersucht werden, ob ein Unterschied besteht, zwischen den genetischen Risiken für Halbgeschwister, die über die Mutter miteinander verwandt sind gegenüber denen, die väterlicherseits gemeinsames Erbgut haben. Mit diesem Aspekt kann beleuchtet werden, ob möglicherweise Einflüsse, die während der Schwangerschaft einwirken eine Auswirkung auf die Entstehung der MS-Erkrankung haben. Bei dieser Studie zeigten sich folgende Ergebnisse:

 

· Das Risiko für Halbgeschwister von MS-Patienten dafür, ebenfalls MS zu bekommen war niedriger als bei den "Vollgeschwistern"

· Hierbei ergab sich in der Höhe des Risikos kein Unterschied zwischen den Halbgeschwistern, die in der Familie des erkrankten MS-Patienten lebten zu denen, die nicht mit dem MS-Patienten zusammenlebten.

· Ebenfalls kein Unterschied ergab sich bei dem Vergleich der väterlicherseits verwandten Halbgeschwister mit denen, die über eine gemeinsame Mutter verwandt waren.

 

Kandidaten-Gene

Anhand der oben genannten Studienergebnisse wird klar, daß bei der Entstehung der MS auf jeden Fall genetische Faktoren eine Rolle spielen, daß diese aber nicht alleine ausschlaggebend für das Auftreten der Erkrankung sind. In einer solchen Situation werden mögliche sogenannte "Kandidaten-Gene" gesucht, das heißt es wird im Genom (genetische Erbsubstanz des Menschen) nach Stellen gesucht, wo bekanntermaßen genetische Informationen lokalisiert sind, die eventuell für die Entstehung der MS von Bedeutung sein könnten. Anhand von molekulargenetischen Blutuntersuchungen kann dann die Häufigkeit des Auftretens solcher Gene bei MS-Patienten mit der Häufigkeit des Auftretens bei Personen der Normalbevölkerung verglichen werden. Sofern ein solches Kandidaten-Gen bei den MS-Patienten sehr viel häufiger gefunden wird, wie bei gesunden Personen, könnte man sicher sein, daß ein genetischer Zusammenhang zwischen der MS und diesem Gen besteht. Bezüglich der MS sind bisher bereits einige solcher Kandidaten-Gene an größeren Patientenzahlen getestet worden, ohne daß sich bisher ein eindeutiger Unterschied zu den ebenfalls getesteten gesunden Personen nachweisen ließ. Getestet wurden unter vielen anderen z.B. das sog. humane Leukocyten-Antigen, welches eine Schlüsselposition in der Aktivierung der zur Auslösung einer Entzündungsreaktion wichtigen weißen Blutkörperchen (Leukocyten) hat; das basische Myelinprotein, welches Bestandteil der Isolierungssubstanz der Nervenbahnen des Gehirnes und des Rückenmarkes ist; sowie der Tumor-Nekrose-Faktor und verschiedene Immunglobulin-Gene, die ebenfalls in der Immunreaktion des Körpers eine Rolle spielen. Bei allen ließ sich keine Verbindung zur Entstehung der MS nachweisen.

 

Tiermodelle

Ein anderer Weg, zur Erforschung genetischer Grundlagen bei der Entstehung von Krankheiten, z.B. der MS ist die Erarbeitung von Tiermodellen. Für die MS gibt es ein solches Tiermodell, wobei an speziell gezüchteten Ratten und Mäusen durch die Gabe einer speziellen auslösenden Substanz eine allergische Entzündungsreaktion im Zentralnervensystem auftritt, die ähnlich wie die MS in Schüben verläuft und zu dauerhaften Schäden im Gehirn und Rückenmarksbereich der Maus oder Ratte führen kann. An solchen Tiermodellen können wichtige Ergebnisse vor allem über den Verlauf von Krankheiten und über die genetische Variabilität und Beeinflußbarkeit gewonnen werden. Man muß dabei jedoch im Auge behalten, daß es sich dabei nur um eine der MS ähnliche Erkrankung handelt und daß es bei Mäusen und Ratten im Vergleich zum Menschen erhebliche genetische Unterschiede gibt. Erkenntnisse, die an Tiermodellen gewonnen wurden müssen erst daraufhin untersucht werden, ob sie auch auf den Menschen übertragbar sind. Eine wichtige Hilfe stellen solche tierexperimentellen Untersuchungen jedoch bei der Findung und Definition von Kandidaten-Genen dar.

 

Genetische Risiken für Verwandte von MS-Patienten

Das Risiko für das Auftreten einer MS in der Normalbevölkerung liegt statistisch gesehen bei 0.2%. Anhand der oben skizzierten durch Bevölkerungsstudien, Kandidaten-Gen-Untersuchungen und Tierexperimente gewonnenen Ergebnisse über die Erblichkeit der MS können für verwandte Personen von MS-Patienten genetische Risiken berechnet werden. Für erstgradig Verwandte von MS-Patienten ist das oben genannte MS-Risiko auf 3-5% erhöht, das entspricht dem 15 bis 25 fachen Risiko gegenüber einer Person in der Normalbevölkerung. Bei eineiigen Zwillingen, von denen einer an MS erkrankt ist, liegt für den anderen Zwilling, der ja ein vollständig identisches Erbgut aufweist, das Risiko bei 38%, also 190 mal höher als in der Normalbevölkerung. Bei zweieiigen Zwillingen ist das Risiko gleich dem von "normalen" Geschwistern, also so wie bei erstgradig Verwandten. Bei Halbgeschwistern von MS-Patienten ist das Risiko für eine MS-Erkrankung bei 1.3 % etwa 6mal größer als in der Normalbevölkerung, wobei bei adoptierten Personen kein gegenüber der Normalbevölkerung erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer MS besteht.

Bei diesen Werten handelt es sich um Durchschnittswerte, die an größeren Patientengruppen, bzw. deren Familienangehörigen ermittelt wurden, also um statistische Angaben, die stets nur ein relatives Risiko wiedergeben können. Absolute Vorhersagen für Einzelpersonen, zum Beispiel im Rahmen einer vorgeburtlichen Diagnostik bei bestehender Schwangerschaft sind zurzeit aufgrund des noch fehlenden Wissens über die genetischen Zusammenhänge nicht möglich.

 

Quellenangabe:

Dr. Dorothee Röhrig, Fachärztin für Neurologie, Medizinische Genetik, Ludwig-Erhard-Platz 1, 51373 Leverkusen, Jan. 2003