Multiple Sklerose
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e-med Forum Multiple Sklerose 13. Oktober 2019 Kontakt  Impressum  Datenschutz  
 

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Thesen zu MS & Ernährung

von Dr. med. Olaf Hebener, Seviton-Privatklinik

Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Ernährung und MS?

Nach heutigem Verständnis ist die Ernährung nicht die Ursache der Krankheit. Allerdings versucht die Wissenschaft bereits seit Jahrzehnten zu klären, warum die Häufigkeit der MS eine unterschiedliche Verteilung auf dem Globus zeigt und welche Gründe für regionale Fallhäufungen /sog. Cluster) bzw. für "MS-Epidemien" verantwortlich sein könnten. Unter den vielen diskutierten Umwelteinflüssen wird der Ernährung inzwischen die größte Bedeutung beigemessen.

 

Sind dabei konkrete Nährstoffe besonders wichtig?

Für die Mehrzahl aller chronisch-entzündlichen Erkrankungen mit der Beteiligung des Immunsystems ist die Fettzufuhr der entscheidende Ernährungsfaktor.

 

Gilt das für alle Fette?

Hier muss man differenzieren. In der epidemiologischen MS-Forschung zeigt sich regelmäßig ein Zusammenhang zwischen Häufigkeit bzw. Verlauf der Krankheit und dem Verzehr der gesättigten Fette. Aus meiner Überzeugung ist das ein Trugbild. Das Wechselspiel der hochungesättigten Fettsäuren ist für die Krankheitsmechanismen bei der MS wesentlich wichtiger.

 

Sind hochungesättigte Fettsäuren nicht auch essentiell, d.h. lebensnotwendig?

Das ist richtig. Bei den sog. Omega-6-Fettsäuren ist die Linolsäure essentiell, bei den Omega-3-Fettsäuren die alpha-Linolensäure. Als tierischer Organismus kann der Mensch dann aus Linolsäure Arachidonsäure, und aus alpha-Linolensäure die sog. "Fischöle" (EPA und DHA) synthetisieren. Selbstverständlich nehmen wir Arachidonsäure auch direkt mit tierischen Nahrungsmitteln, und EPA und DHA mit Fisch auf. Das mengenmäßige Verteilungsverhältnis dieser Fettsäuren in der Nahrung entscheidet jedoch darüber, ob die Funktionsfähigkeit des Organismus abgesichert, oder bei einem Überschuss der Omega-6-Fettsäuren die Entstehung von Krankheiten begünstigt wird.

 

Haben die veränderten Ernährungsgewohnheiten der Menschen konkret etwas mit der extremen Zunahme von Krankheiten zu tun?

Soweit die gesicherten Erkenntnisse über die Ernährung des Steinzeitmenschen reichen, betrug das Verhältnis zwischen Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren damals höchsten 4:1.

Teilweise wurde der Quotient in Industriestaaten auf bis zu 20:1 verschoben. In Deutschland geht man momentan von ca. 8:1 aus, wobei die Empfehlungen der DGE für Gesunde eine Verminderung auf 5:1 vorschlagen.Das reicht jedoch nicht aus.

Um mit einer diätetischen Maßnahme auch eine entzündungshemmende Wirkung zu erzielen, muss der Quotient mindestens auf 2:1 reduziert werden und der Linolsäuregehalt der Nahrung deutlich abgesenkt werden. Auch wenn hierzulande über derlei Empfehlungen noch gestritten wird, so sind die identischen Vorgaben in Japan inzwischen der offizielle Standard der Ernährungsplanung für jedermann.

 

Diäten bei MS sind oft verwirrend und gegensätzlich, so wird in einigen Ernährungs- empfehlungen für MS-Betroffene eine Verminderung der Arachidonsäure empfohlen. Wie stehen Sie dazu?

Die Arachidonsäure ist das direkte Ausgangsmaterial für die körpereigene Produktion von Entzündungsstoffen. Jede Verringerung dieser Fettsäure ist also ohne Zweifel hilfreich. Problematisch ist allerdings die gleichzeitig übliche Erhöhung der Linolsäurezufuhr.

Ich will das Problem am Beispiel demonstrieren: Nach neueren Untersuchungen werden im Menschen "nur" 1,5 bis 3% der zugeführten Linolsäuremengen in Arachidonsäure umgewandelt. Bei 10 bis 20 g Linolsäure pro Tag bedeutet das aber 150 bis 600 mg synthetisierte Arachidonsäure pro Tag.

Bei fleischreicher Kost führt der Mitteleuropäer über die Nahrung jedoch "nur" 200 bis 300 mg Arachidonsäure zu. Welchen Sinn macht es, diätetisch durch die Einschränkung von Fleischwaren Arachidonsäure zu reduzieren, wenn gleichzeitig über den gesteigerten Konsum von Linolsäure in Pflanzenöl, Margarine und Ölfrüchten die körpereigene Synthese gesteigert wird?

Außerdem erhöht Linolsäure massiv die Bildung von freien Sauerstoffradikalen, die bei der eigentlichen Gewebsschädigung der MS (sog. Neurodegeneration) ein entscheidender Faktor sind.

 

Häufig werden mögliche Mangelerscheinungen diskutiert. Bestehen solche Gefahren?

Eindeutig nein. Bezüglich der Linolsäure haben zuverlässige tierexperimentelle Untersuchungen bewiesen, daß erst bei einem Linolsäureanteil von weniger als 1% der zugeführten Nahrungsenergie in der dritten Generation Mangelerscheinungen aufgetreten sind. Bei vernünftiger Anwendung der Ernährungsempfehlungen wird diese Grenze nicht einmal annähernd erreicht.

 

Gibt es auch ein probates Konzept hinsichtlich diätetischer Therapeutika?

Die Omega-3-Fettsäuren, insbesondere die sog. Fischöle, sind der biologische Gegenspieler der Omega-6-Fettsäuren. Sie schwächen Entzündungen ab, optimieren den gestörten Immunstatus und vermindern die Produktion freier Sauerstoffradikale. Diese Effekte sind wissenschaftlich geprüft und gesichert.

Ebenso sicher ist, daß speziell natürliches Vitamin E und Selen die körpereigene Abwehr gegen freie Radikale deutlich verbessern. Allerdings müssen alle diese Substanzen ausreichend hoch dosiert werden, was meist durch die Nahrung alleine nicht dauerhaft realisierbar ist. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Stoffklassen, die im Einzelfall zusätzlich sinnvoll sein können. Die konkrete therapeutische Planung sollte immer ärztlich begleitet werden.