Multiple Sklerose
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- 10.09.2015


Therapie der MS: Lebensqualität im Fokus

 


Zur Behandlung der Multiplen Sklerose gehört mehr als nur das Verordnen von Medikamenten. Vielmehr muss die Therapie laut Professor Dr. Peter Rieckmann, Bamberg, den individuellen Bedürfnissen angepasst werden und das Ziel sollte der Erhalt einer guten Lebensqualität sein. "Wir dürfen die Patienten nicht Dr. Google überlassen. Vielmehr müssen wir durch eine optimale medikamentöse Therapie zusammen mit einer guten Patientenführung dafür sorgen, dass sie ein normales, weitestgehend von der MS unbeeinträchtigtes Leben führen können", betonte Rieckmann beim 1. MS Special(ists)-Workshop in Köln.

Eine gute Patientenführung kann nach Dr. Michael Lang, Ulm, zudem die Adhärenz steigern, die die Basis für den Behandlungserfolg darstellt. "Denn Medikamente können nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie tatsächlich - wie verordnet - angewendet werden", erläuterte der Neurologe. Es ist nach seinen Worten ein Trugschluss anzunehmen, Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose seien zwangsläufig therapietreu. Die langfristige Adhärenz setzt vielmehr eine gute Krankheitskenntnis voraus. Sie wird gefördert durch eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Kommunikation sowie eine gute Betreuung durch die MS-Nurse.

Mit der Medikation möglichst die Lebensqualität verbessern:
Optimal ist eine Behandlung nach Lang, wenn die Medikation der Krankheitsaktivität angepasst gewählt wird, eine maximale Wirkung auf die Schubrate, das Fortschreiten der Erkrankung und die psychosoziale Situation des Patienten zeigt, einfach in der Handhabung und gut verträglich ist.

Im Hinblick auf die Lebensqualität der Patienten ist zudem wichtig, dass die Behinderungsprogression möglichst aufgehalten wird, wenn nicht sogar bestehende Behinderungen verbessert werden. So konnte eine Analyse der CARE-MS II-Studie zeigen, dass die Verbesserung der Behinderung nach einer Behandlung mit Alemtuzumab (Lemtrada®) mit einer verbesserten Lebensqualität korreliert.

Die Therapie an die Krankheitsaktivität adaptieren ?:
Was es konkret bedeutet, die Behandlung individuell an die Krankheitsaktivität und die Patientenbedürfnisse anzupassen, verdeutlichte in Köln Dr. Thorsten Rosenkranz aus Hamburg am Beispiel einer 19-jährigen Patientin. Diese klagte bereits mit 17 Jahren über ein vorübergehendes Kribbeln in beiden Beinen, ohne dass eine eindeutige Ursache hierfür gefunden wurde. Im weiteren Verlauf kam es zu progredienten sensiblen Störungen von den Beinen aufsteigend bis zur Brust, zu einer Blasenstörung und einer zunehmenden Parese. Sowohl im Gehirn wie auch im Rückenmark zeigten sich im MRT multiple Läsionen und es entwickelten sich ein sensibler Querschnitt sowie wiederholt auftretende sensible Störungen und Paresen mit nur langsamer Rückbildung unter einer hochdosierten Steroidtherapie.

"Die Patientin hat sich eingehend mit der Erkrankung auseinandergesetzt und wünschte aufgrund ihrer besonderen Krankheitsaktivität explizit eine Behandlung mit Alemtuzumab", so Rosenkranz. Die erste Behandlungsphase mit dem Antikörper, den die junge Frau nach Angaben des Neurologen mit nur geringen Infusionsassoziierten-Reaktionen gut vertragen hat, erfolgte bereits im März 2014. Seither ist die Patientin klinisch stabil und im MRT von Kopf und Wirbelsäule gibt es keine Hinweise auf eine Krankheitsprogression. Die aktive Reiterin gibt an, von der Erkrankung unbeeinträchtigt und ganz normal zu leben und hat auch bereits eine zweite Behandlungsphase erhalten und ebenfalls gut vertragen.

Alemtuzumab: Signifikant weniger Schübe und Besserung bestehender Behinderungen:
Der Behandlungserfolg steht im Einklang mit den Studienergebnissen zu Alemtuzumab, wie Rosenkranz darlegte. Es liegen nach seinen Worten aus der CAMMS223-Verlängerungsstudie Daten über fünf Jahre vor. 53% der mit Alemtuzumab behandelten Patienten zeigten dabei eine Verbesserung des EDSS, 84% waren progressionsfrei und 68% waren schubfrei nach 5 Jahren. Hinsichtlich der Therapiesicherheit ist ein erhöhtes Risiko für das Auftreten sekundärer Autoimmunerkrankungen (Schilddrüsenerkrankungen, idiopathische thrombozytopenische Purpura, Nephropathien) zu bedenken. Diese sind jedoch bei frühzeitiger Diagnose gut behandelbar. Entsprechende monatliche Kontrolluntersuchungen sind daher bis 48 Monate nach der letzten Behandlungsphase angezeigt.

Individuelle Patientenbedürfnisse berücksichtigen ?:
Dass die Behandlung den individuellen Bedürfnissen des Patienten anzupassen ist, um die Adhärenz zu gewährleisten, zeigt zudem der Fall eines 32-jährigen Mannes mit Diplopie und Hypästhesie im linken Arm, einer inkompletten Abducensparese links, drei Kontrastmittel-aufnehmenden Herden im MRT des Gehirns und einem EDSS von 2,0. Der Discjockey erklärte, eine Therapie zu bevorzugen, bei der er lediglich eine Tablette am Tag einnehmen müsse. "Alles andere sei mit seinem unregelmäßigen Tagesrhythmus und den vielen Zeiten unterwegs nicht zu vereinbaren", schilderte Rosenkranz die vom Patienten verbalisierten Therapiebedürfnisse.

"Wir müssen die Lebensumstände der Betroffenen berücksichtigen, wenn wir eine gute Adhärenz erreichen wollen", schlussfolgerte der Mediziner. Der Discjockey wurde nach seinen Angaben daher auf Teriflunomid (Aubagio®) eingestellt und hat seither keinen Krankheitsschub mehr erlebt.

Teriflunomid: Über 564 Wochen stabiler EDSS:
Für Teriflunomid sprechen nach Rosenkranz neben der einfachen Handhabung der Behandlung mit der einmal täglich einzunehmenden Tablette die Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten der vorliegenden Studien. So ergab die Post-hoc-Analyse der gepoolten Daten der beiden Phase III-Zulassungsstudien TEMSO und TOWER eine Reduktion der Krankheitsschübe mit Residuen um 53% gegenüber Placebo. Erzielt wurde ferner eine Minderung der Behinderungsprogression um 46% im Vergleich zu Placebo bei Patienten mit aktiverer MS (mindestens zwei Schübe vor Studienbeginn). Der mittlere EDSS-Wert blieb unter Teriflunomid über einen Beobachtungszeitraum von 564 Wochen stabil unter einem Wert von 2,5. Die Gehfähigkeit bleibt damit langfristig erhalten.

Häufigste potenzielle Nebenwirkungen unter der Therapie sind eine leichte Erhöhung der Leberwerte, eine reversibel verminderte Haardichte sowie Übelkeit und Diarrhoen.

"Ein Arbeitsbündnis mit dem Patienten eingehen":
Für die Berücksichtigung der Lebenspraxis des Patienten bei der MS-Therapie plädierte in Köln auch Professor Dr. Holger Ziegler, Bielefeld. "Als Arzt muss man mit dem Patienten ein Arbeitsbündnis eingehen und dabei die MS auch als ein Problem der Lebensführung ernst nehmen", betonte Ziegler als Prof. für Soziale Arbeit. Dazu gehöre es nicht zuletzt auch, die Symptomatik im Kontext mit ihrer Bedeutung für den individuellen Patienten und seine Lebensqualität zu verstehen. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang auch die Autonomie der Person jenseits der Diagnose MS zu verstehen. "Der Mensch hat eine MS aber die MS hat nicht den Patienten."

Die Möglichkeiten, eine individualisierte, sich an den Bedürfnissen des Patienten und seiner Lebensqualität orientierende Therapie zu realisieren, könnte sich laut Prof. Dr. Dr. Sven Meuth, Münster, dabei künftig sogar noch verbessern. Denn es wird an der Entwicklung weiterer neuer Therapieformen gearbeitet. Als Beispiel nannte der Neurologe den Wirkstoff GZ402668, einen neuen Anti-CD52-Antikörper, der sich derzeit in Phase I befindet und das Potenzial einer vielversprechenden Wirksamkeit und Verträglichkeit besitzt.

In klinischer Entwicklung ist ferner Vatelizumab, ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der sich gegen VLA-2 richtet. Vatelizumab soll VLA-2 auf den aktivierten Immunzellen hemmen und auf diese Weise die Entzündungskaskade bei MS abschwächen.

Durch die anstehenden therapeutischen Neuerungen dürften sich nach Meuth künftig weitere Fortschritte bei der MS-Therapie ergeben. Damit wird es wohl noch besser als bisher möglich werden, die Bedürfnisse der Patienten bei der MS-Behandlung zu berücksichtigen, so die Adhärenz zu fördern und dem Patienten eine gute Lebensqualität zu sichern.

Wie bedeutsam es ist, die therapeutischen Möglichkeiten für den Patienten optimal auszuloten und in seinen Alltag umzusetzen, machte Professor Rieckmann in Köln in seinem Fazit deutlich: "Krankheit und Gesundheit sind keine Antipoden. Es herrscht vielmehr ein Kontinuum, wobei wir versuchen müssen, Patienten mit Multipler Sklerose so zu behandeln, dass sie ihr Leben möglichst ohne Stigmatisierung durch die Erkrankung und ohne Beeinträchtigung durch Behinderungen leben können."

Die Schubratenreduktion als primärer Endpunkt in den Zulassungsstudien TEMSO und TOWER betrug 31,5% bzw. 36,3% gegenüber Plazebo. Die Reduktion der Behinderungsprogression als sekundärer Endpunkt in den Zulassungsstudien TEMSO und TOWER betrug 29,8% bzw. 31,5% gegenüber Plazebo. Unterschiedliche Werte zwischen Zulassungsstudien und Post-Hoc- bzw. Subgruppenanalyse der gepoolten Daten beider Zulassungsstudien aufgrund unterschiedlicher Fragestellungen und statistischer Voraussetzung.


Quelle: JournalMED


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