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- 25.10.2016


Toxoplasmose: Parasit beeinflusst Gedächtnisleistung

 


Jeder zweite Deutsche trägt den Erreger Toxoplasma gondii in seinem
Körper. Der weltweit vorkommende Einzeller verursacht eine der häufigsten
Infektionskrankheiten. Bekannt ist Toxoplasmose schon lange,
hauptsächlich im Zusammenhang mit gesundheitlichen Risiken in der
Schwangerschaft und für immunschwache Menschen. Studien am Leibniz-
Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) zeigen, dass eine
Infektion auch das Arbeitsgedächtnis im Alter beeinträchtigen kann.

Eine Maus, die Katzen provoziert. Nicht etwa aus Wagemut, sondern weil sie ihren
Gegenüber für harmlos hält. Sie ist manipuliert, bzw. hat sich mit Toxoplasma
gondii infiziert. Der Parasit vermehrt sich nur im Darm von Katzen. Über den
Katzenkot finden die robusten Parasiteneier ihren Weg in fremde Organismen,
beispielsweise von Mäusen oder Vögeln. Um wieder zurück zum Stammwirt zu
gelangen, reduziert der Erreger das Vermeidungsverhalten des Zwischenwirts, wie
frühere US-Studien zeigten.

Menschen infizieren sich häufig durch Kontakt mit kontaminiertem Wasser,
Gemüse oder nicht durchgegartem Fleisch von infizierten Nutztieren. Gefährlich
kann Toxoplasmose für Schwangere und den Fötus sowie für Menschen mit einem
geschwächten Immunsystem werden. Im Großteil der Fälle bleibt die Infektion aber
unbemerkt. Die magensäureresistenten Erreger können jedoch die Blut-
Hirnschranke passieren und sich lebenslang in Nervenzellen einnisten (latente
Infektion). Ob dadurch kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt werden, erforschten
erstmals Wissenschaftler am IfADo. Sie konnten in einer Doppelblindstudie mit
Senioren zeigen, dass eine latente Infektion Gedächtnisleistungen und die
subjektive Lebensqualität verschlechtern kann.

Aus einer Kohorte von gesunden Probanden ab 65 Jahren wurden zwei Gruppen mit
je 42 Personen ausgewählt: Senioren, bei denen im Blut entsprechende T. gondii-
Antikörper gefunden wurden, kamen in die erste Gruppe. Senioren mit negativem
Nachweis bildeten die Kontrollgruppe. Alle Probanden beantworteten Fragen zu
Lebenssituation und Lebensqualität. Danach folgten verschiedene PC-Tests zu
Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit und Geschwindigkeit der
Informationsverarbeitung.

Die Probanden sollten z.B. in einer schnellen Abfolge von
einzelnen Buchstaben immer dann eine Taste drücken, wenn der vorletzte
Buchstabe mit dem aktuell gezeigten übereinstimmte. Auf diese Art müssen
Buchstaben im Kurzzeitgedächtnis gespeichert und kontinuierlich mit den
neuankommenden Buchstaben verglichen werden. Dazu ist ein intaktes
Arbeitsgedächtnis notwendig, das für die vorübergehende Informationsspeicherung
und gleichzeitige Verarbeitung zuständig ist. Das Ergebnis: Die Leistungen des
Arbeitsgedächtnisses waren bei den Toxoplasmose-positiven Probanden um 35
Prozent geringer als bei den Nicht-Infizierten. Zudem schätzen die betroffenen
Personen ihre körperliche, psychische und soziale Lebensqualität signifikant
schlechter ein.

Objektiviert wurden die gefunden Defizite in der Gedächtnisleistung mit EEGgestützten
Untersuchungen. Während die Probanden die Aufgaben bearbeiteten,
wurde die Hirnaktivität gemessen. Dabei zeigte sich u.a. ein deutlich geringerer
Ausschlag der Hirnpotenziale, die mit Arbeitsgedächtnisfunktionen wie Aktualisierung
von Gedächtnisinhalten assoziiert werden.

„Der Unterschied in der Arbeitsgedächtnisleistung zwischen Infizierten und Nicht-
Infizierten entspricht in etwa der Differenz zwischen gesunden jungen
Erwachsenen und Senioren“, sagt IfADo-Studienautor Dr. Patrick Gajewski. Für
die Effekte wird ein durch die Toxoplasmose-Infektion verursachtes
Ungleichgewicht des neuronalen Botenstoffhaushaltes von Dopamin und
Norepinephrin verantwortlich gemacht. In Folgestudien sollte daher ein
Zusammenhang von Toxoplasmose und Demenz untersucht werden, da in beiden
Fällen die Gedächtnisfunktion als erstes in Mitleidenschaft gezogen wird. „Die
hohe Prävalenz der Toxoplasmose-Infektion und eine wachsende Anzahl von
älteren Menschen verdeutlicht die sozioökonomische Bedeutung der Befunde“, so
Gajewski.

Quelle: Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund


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