Multiple Sklerose
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- 16.07.2007


Ganzkörper-Vibrationsbehandlung bei Multiple Sklerose

 


Ein langjähriger MS-Patient mit sekundär chronisch-progredienter Verlaufsform (Rollator, z.T.Rollstuhl) berichtete in einer MS-Mailingliste über zwei Geräte zur Ganzkörper-Vibrations-Therapie und über eigene Langzeit-Erfahrungen. So wurde von ihm  zur Behandlung seiner MS-Symptome über längere Zeit ein Gerät benutzt, dessen Prinzip im Rahmen der amerikanischen und russischen Raumfahrtmedizin zur Behandlung von Astronauten gegen Folgen der Schwerelosigkeit entwickelt worden war. Es wurde u.a. von der Berliner Charité Campus Benjamin Franklin im Human-Space-Flight-Program der ESA zu Forschungszwecken eingesetzt und dient unter anderem zur Behandlung von Kindern mit der sog. Glasknochenkrankheit. Vielfach wird das Verfahren auch in spezialisierten Kliniken zur Beseitigung oder Verbesserung der Stressinkontinenz von Frauen eingesetzt, wobei es die Wirkung des Beckenbodentrainings wesentlich steigert. Die Verbesserungs- oder Heilungsrate beträgt bis zu 80%. Das Verfahren ist aber wegen der andersartigen Beckenbodenmuskulatur bei Männern nicht wirksam. 

Wissenschaftler des Institutes für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt an Main haben das System auf Auswirkungen von Bewegungsstörungen bei Multiple Sklerose und Parkinson untersucht und dabei beeindruckende Ergebnisse festgestellt, so etwa bei MS ein verbessertes freies und sicheres Stehen, leichteres, flüssigeres Laufen und deutliche Verringerung der Stolper- und Fallrate. Der Umfang der Symptomreduktion war allerdings sehr unterschiedlich, bei rund 20% der Patienten konnten keine Veränderungen festgestellt werden. Eines der beiden in Deutschland entwickelten Gerätesysteme steht inzwischen in 250 Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen zur Ergänzung ihrer Behandlungen, das andere in etwa 300 Praxen von Orthopäden, Physiotherapeuten oder bei Sportvereinen zum Muskel- und Aufbautraining der Sportler.

Das von dem berichtenden MS-Patienten in einer wohnortnahen Physiotherapiestation benutzte "Galileo"-Ganzkörper-Vibrationsgerät besteht aus einem Fußteil mit horizontal und vertikal vibrierender Standplatte sowie einem bogenförmigen Haltebügel. Die Standplatte wirkt wie eine Wippe mit einer Amplitude von 0 - 6 mm bei gleichzeitiger schneller, seitenalternierender Vibration zwischen 2 und 30 Hz ´(Schwingungen pro Sekunde). Durch die biomechanische Stimulation der Galileo-Trainingsplatform werden in der menschlichen Muskulatur sogenannte Dehnreflexe ausgelöst, die ein Kontraktion der Muskulatur in den Beinen bis hinauf in den Rumpf bewirken, insbesondere auch im Rücken. Diese Reflexe werden nicht vom Willen des Trainierenden gesteuert, sondern erfolgen selbständig über das Rückenmark. Die Anzahl der Dehnreflexe pro Sekunde wird über die einstellbare Frequenz bestimmt, z.B. bei 25 Hz sind dies 1500 Zyklen pro Minute. Durch die erfolgenden Auf- und Abbewegungen der Platform wird der menschliche Gang simuliert und durch die seitenalternierende Bewegung die Wirbelsäule durch eine leichte seitliche Kippung des Beckens in einer physiologischen Seitwärtsbewegung angeregt. Dabei wird  die Koordination der Rücken- und Bauchmuskulatur erreicht. Diese und andere Wirkungen erzeugen Reizmuster wie beim Gehen und fördern das Zusammenspiel aller Komponenten. Nach zunächst 12 Behandlungen, 2 x wöchentlich über 6 Wochen mit einer Frequenz von 6 Hz bei 3 mm Amplitude und 5 Minuten mit je 1 min. Pause konnte eine deutliche Verbesserung der Beweglichkeit, der Gehfähigkeit und des Gleuchgewichts festgestellt werden. Anschließend erfolgte zur verbesserten Anpassung an die körperlichen Gegebenheiten eine Serie mit jeweils 10 Hz bei gleicher Amplitude, Dauer und entsprechenden Pausen. Die Behandlung wurde anschließend noch über mehrere Monate fortgesetzt.:Auch diese Vibrationstherapie führte zu einer weiter verbesserten Flexibilität und war eine deutliche Ergänzung der nachfolgenden krankengymnastischen Vojta-Behandlungen.

Den Auszügen aus der US-Veröffentlichung einer weiteren Studie der Medizinische Universität Wien können zusätzliche Details zur positiven Wirkung des Verfahrens bei MS-Patienten entnommen werden.

Effekte der Ganz-Körper-Vibration (WBV) bei Patienten mit Multiple Sklerose: eine Pilotstudie
Schuhfried O, Mittermaier C, Jovanovic T, Pieber K, Paternostro-Sluga T.
Departement of Physical Medicine an Rehabilitation, Medical University of Vienna, Austria
Clin Rehabil, 2005 Dec;19(8):834 - 42

Ziel:
Es sollte untersucht werden, ob eine Ganz-Körper-Vibration (WBV; mechanische Oszillationen) im Vergleich zu einer Placebo-Anwendung bei Patienten mit Multiple Sklerose (MS) zu einer Verbesserung der Regelung der Körperhaltung, der Beweglichkeit und des Gleichgewichts führt.

Untersuchungsdesign:
Doppelblinde, randomisierte Untersuchung

Durchführung durch:
Klinik für Ambulante Patienten, Universitätsabteilung für physikalische Medizin und Rehabilitation, Medizinische Universität Wien

Untersuchte Personen:
12 MS-Patienten mit mäßiger Behinderung (EDSS nach Kurtzke 2,5 - 5,0)
wurden entweder einer Untersuchungsgruppe oder einer Placebo-Gruppe zugeteilt.

Untersuchung:
In der Untersuchungsgruppe wurde eine Ganz-Körper-Vibration (whole body vibration WBV) bei niedrigen Frequenzen durchgeführt (2.0 - 4,4 Hz Oszillationen bei 3 mm Amplitude). Angewendet wurden 5 Folgen von je 1 Minute WBV + 1 Minute Pause zwischen den Folgen. In der Placebogruppe wurde ein TENS-Gerät (Elektrisches Nervenstimulationsgerät) angewandt mit gleichfalls 5 Serien von 1 min. und je 1 min. Pause.

Wesentliche Messungen:
Es wurden folgende Versuche durchgeführt:
o Körper-Stabilitätskriterien (nach SOT),
o Time Get up and Go Test (Anm.: d.i. die gemessene Zeit, in der ein Patient ohne Zuhilfenahme von Armen oder Händen von einem Stuhl aufsteht, eine bestimmte Distanz zurücklegt, sich dreht, zurückkehrt und sich wieder setzt)
o Functional Reach Test (Anm.: d.i. Test zur Flexibilität, Standsicherheit und Koordination, in dem sich ein Patient in bestimmten Umfang beugt und welche Reichweite er hat).
Die Messungen wurden durchgeführt unmittelbar, 15 Minuten, 1 Woche und 2 Wochen vor und nach der Vibrationsbehandlung.

Ergebnisse:
Verglichen mit der Placebo-Gruppe zeigte die Versuchsgruppe Verbesserungen
o bei den Körper-Stabilitätskriterien (SOT-Test)
o beim Time-Get-Up-and-Go-Test
und zwar zu jedem Zeitpunkt nach der Vibrationsbehandlung

Die Effekte waren am deutlichsten 1 Woche nach der Behandlung. Dort traten signifikante Unterschiede auf beim Time-Get-Up-an-Go-Test mit einer verkürzten Zeit gegenüber Placebo.
Bei den Körper-Stabilitäts und -haltungskriterien trat ebenfalls eine Verbesserung der Werte ein, wenn auch geringer. Beim Functional Reach Test wurde keine Verbesserung festgestellt.


Zusammenfassung:
Die Ergebnisse dieser Pilotstudie zeigen, daß die Ganz-Körper-Vibrationsbehandlung (Whole-Body-Vibration WBV) einen positiven Einfluß auf die Körperstabialität und Mobilität von Patienten mit Multiple Sklerose haben kann.


Kontakt: othmar.schuhfried@meduniwien.ac.at
PMID: 16323382 (PubMed - indexed for MEDLINE)

Quelle: Hans W. Leckscheidt


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